Zusammen sind wir stark

Die markante Berggestalt des Aggenstein im bayerischen Teil der Tannheimer Gruppe in den Allgäuer Alpen war in diesem Januar das Ziel von LOWA-ACTIVE-Team-Mitglied Fritz Miller, Michaela Schuster und Hannes Neubert.

Fritz und Hannes nach der Wiederholung von Morbus Brexit

Das Team wollte sich am meistbesuchten Gipfel der Tannheimer Gruppe aber nicht an einer anspruchsvollen Bergwanderung versuchen. Ihr Ziel war die steile und oft brüchige Nordostwand des Aggenstein – eine Wand, die höchste Ansprüche an Können, Kondition und Erfahrung verlangt. Genau hier wollten sie eine Erstbegehung und eine Wiederholung im Rot-Punkt-Stil versuchen. Warum genau hier, im Winter? „Während in den Dolomiten gute Eiskletterbedingungen herrschen, geht im Allgäu, meinem Lieblingsgebiet fürs alpine Mixed-Klettern, nicht viel. In den Wänden hängen Unmengen Schnee, es sei denn, sie sind durchgängig sehr steil“, liefert Fritz Miller gleich seine Erklärung für diese anspruchsvolle Tour.

Eldorado für Kletterer

Der felsige Gipfelaufbau des Aggenstein ragt wie ein Zahn in den Himmel. Seine klassischen und wuchtigen Umrisse beeindrucken Wanderer und Kletterer gleichermaßen. Mit etwa 25 Routen jeglicher Schwierigkeit ist er ein Eldorado für Kletterer. Nur drei der Routen führen durch die anspruchsvolle Nordostwand. Der meist sehr steile Aufbau sowie die nicht optimale Beschaffenheit des Felsens, sind nur einige Gründe hierfür. Hinzu kommen die Graspartien, die für den Aggenstein typisch sind. Alles in allem schwierige Bedingungen. Geht es nach der Seilschaft Miller, Schuster und Neubert sollte am Ende eine weitere Route hinzukommen.

„Wir wollten einfach mal sehen, was die geplante Linie hergibt“, beschreibt der LOWA-ACTIVE-Team-Athlet sein Gefühl zu Beginn der Tour. Nach viertägigen Vorarbeiten ging es für Fritz Miller und Michaela Schuster am 27. Januar vom Skigebiet Breitenberg mit Tourenski zum Einstieg. Da der Hang immer steiler wurde – zuletzt waren es knapp 40 Grad – entschied sich die Seilschaft in Falllinie des Einstiegs aufzusteigen. Nach der ersten Länge führte ein exponierter Quergang in den zentralen Teil der Wand. Genau hier folgten sie mit der dritten und vierten Seillänge der Route „Direkte Nordwand“, einer recht unbeliebten Route aus dem Jahr 1965. Nach eineinhalb Seillängen verließen sie diesen Routenverlauf, um schließlich auf die zentrale Eisspur zu gelangen. Diese wurde allerdings im oberen Teil der Wand von einem Felsdach unterbrochen. „Während des Kletterns merkten wir, dass aus der gefrorenen Materie die beste Seillänge dieser neuen Route wird“, schwärmt Fritz. „Im Dach ließ sich noch ein Cam legen, bevor es ernst wurde. Wir haben diese Länge mit M7 bewertet, was vielleicht nicht nach viel klingt, aber dort oben und schwer beladen muss man schon schauen, wo man bleibt“, relativiert der Athlet die Bewertung.
Kaum hatten Miller und Schuster das Dach überwunden, wurde das Gelände etwas flacher. Nach dem kräftezehrenden Aufstieg eine echte Wohltat für beide Athleten. Die letzte Seillänge verlief schließlich nordwestseitig in einer kompakten Felsplatte, die kaum abzusichern war und deshalb noch einmal die volle Konzentration der Athleten verlangte. „Wegen der oft starken Winde lag hier kaum Schnee. So konnten wir die fürs Allgäu typischen Graspolster – im gefrorenen Zustand allerbestes Material, um daran zu klettern – gut erkennen“, schwärmt Miller von der letzten Seillänge. Über leichtes Gelände erreichten sie schließlich den schwach ausgeprägten Felskopf des Nordgrates, den letzten Stand von „Morbus Flattermann“ – einer Route der Pfrontener Bergführer Thomas Osterried und Stefan Blochum aus dem Jahr 2000 und die bisher schwerste Route durch die Nordostwand – und der neuen Route „Morbus Brexit“. „Insgesamt vier Tage waren wir mit dem Einrichten unserer Route beschäftigt. Während dieser Zeit und auch danach dachten wir auf der Suche nach einem passenden Routennamen in alle Richtungen. Schließlich kam Michaela, inspiriert vom Namen der benachbarten Route auf ‚Morbus Brexit‘. Es ist kein klingender Name und es gibt keinen direkten Bezug zu unserer Linie. ‚Morbus Brexit‘ ist vielmehr ein Statement: Zusammen sind wir stark“, erläutert der LOWA-ACTIVE-Team-Athlet Fritz Miller die Namensvergabe.

Wiederholung am Aggenstein

Angetrieben von diesem Erfolg begab sich Fritz Miller zusammen mit Hannes Neubert nur vier Tage später, am 31. Januar, erneut zur Nordostwand des Aggenstein. Auf dem Plan stand die Wiederholung von „Morbus Brexit“ im Rot-Punkt-Stil. Der Berg war beiden Athleten gewogen und ließ sie auch diese Erfahrung meistern. „Es war eine absolut herausragende und sehr anspruchsvolle alpine Mixed-Kletterei durch die steile Nordostwand des Aggensteins. Wiederholer erwartet die ganze Bandbreite des Winterkletterns, inklusive der am Aggenstein typischen Graskletterei“, resümiert Fritz Miller seine Erfahrung.