Interview mit Simon Gietl

Der Südtiroler Simon Gietl ist seit kurzem Mitglied im LOWA PRO Team.

Hallo Simon! Wir dürfen dich nun offiziell im LOWA PRO Team begrüßen. Wie hast du den Weg ins Team gefunden?

Ich war im Jahr 2013 mit Hans Kammerlander unterwegs. Er hatte mich damals mit zu seinem Projekt nach Kanada genommen. Ziel des Projekts war es, die Matterhörner der verschiedenen Kontinente zu begehen. 2013 war in Kanada der Mount Assiniboine an der Reihe. Es war natürlich eine große Ehre, mit ihm auf Expedition unterwegs zu sein. Hans hatte damals auch das LOWA-Schuhmodell LATOK an. Wir haben uns dann natürlich über Expeditionsschuhe unterhalten und so kam es, dass ich auf LOWA aufmerksam wurde. Ich habe dann über Hans verschiedene Ansprechpartner kennengelernt, es ging einige Jahre hin und her und heute sitze ich hier.

Lass uns vom hier und jetzt etwas in der Zeit zurückgehen. Wie ging es bei dir mit dem Bergsport eigentlich los?

Das ist eine interessante Geschichte. Mit 18 Jahren habe ich angefangen zu klettern. Damals bin ich per Anhalter von Bad Doberan nach Bruneck gefahren und mich hat ein älterer Herr mitgenommen, der gerade von den Drei Zinnen kam. Er war dort auf Begehung und erzählte mir von seinen Erlebnissen, wie das Gefühl dort oben war und was er alles an Erfahrungen mit nach Hause nahm. Ich fand das so faszinierend, dass ich mir gedacht habe, ich muss jetzt auch anfangen zu klettern. Das war der wirkliche Beginn. Dazu kam, dass die Schule für mich immer ein schwieriges Thema war. Ich habe den Schulstoff nicht verstanden und die Lehrer haben mich als Person nicht verstanden. Der Sport damals – ich war im Laufverein, Fußballverein und Mountainbike- Verein – war Mittel zum Zweck und hat mir viel gegeben in dieser sonst schwierigen Zeit. Als Jugendlicher habe ich zwar im Sport immer etwas gesucht, aber nie wirklich gefunden. Nach diesem Erlebnis als Anhalter habe ich dann aber die erste Klettertour gemacht. Kurz bevor ich an dem Abend schlafen ging, habe ich verstanden, dass es genau das war, was ich eigentlich die ganzen Jahre gesucht habe. Seitdem war es für mich klar – die Drei Zinnen sind meine Berge.

Was macht für dich die Faszination am Bergsport aus?

Bergsport ist natürlich für mich die Bewegung und das „Draußen sein“. Aber primär ist meine größte Motivation und mein größter Reiz der Umstand, dass du dein eigener Schiedsrichter bist. Du entscheidest, wie du an den Berg herangehst und was du an diesem Berg hinterlässt. Der Berg hat keine unzähligen Verkehrsschilder, die dir die Richtung und Regeln vorgeben. Dein eigener Schiedsrichter zu sein, vielleicht auch ein etwas strengerer, das ist etwas, das mir besondere Freude schenkt und mich auch motiviert.

Training ist ein essenzieller Teil eines Sportlerdaseins. Wie überwindet man beim Training den inneren Schweinehund?

Ich glaube, mein großes Glück ist es einfach, dass ich zu gerne trainiere. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mich zum Trainieren hätte überwinden müssen. Meistens setzt man sich ein Ziel. Für mich ist es derzeit wichtig, dass ich überhaupt trainiere. Meistens habe ich zwei, drei Ziele im Jahr. Auf diese großen Projekte bereite ich mich auch dementsprechend vor. Wenn ich diese Ziele ins Auge gefasst und mich damit beschäftigt habe, werde ich alles tun, um sie zu erreichen. Es gibt für mich dann auch kein Problem damit, Dinge zu tun, die ich vielleicht nicht so gerne mache, weil ich einfach weiß, wie wichtig sie für mich sind und dass ich davon profitieren kann.

Wie bereitest du dich auf deine Touren vor? Gibt es ein spezielles Ritual?

Zunächst ist es natürlich wichtig, zu hinterfragen, was man beim Projekt wirklich braucht. Steht die Klettertechnik im Vordergrund oder kommt es auf die Ausdauer an? Dementsprechend bereitest du dich vor. Das „Nord Drei“-Projekt vom letzten Jahr ist ein gutes Beispiel. Dort hatten wir ein klares Ziel: In einer Nachtwanderung wollten wir die Drei Zinnen und den Großglockner mit dem Fahrrad verbinden. Wir waren 48 Stunden non-stop unterwegs. Für uns Bergsteiger und Kletterer war klar, dass die Berge an sich nicht das größte Problem sein werden, sondern die 400 Kilometer Radstrecke dazwischen. Als Nicht-Radprofi war mir klar: Ab dem Frühjahr wird Rad gefahren. Da denke ich nicht groß darüber nach, sondern mache es gern, wenn ich weiß, was zu tun ist. Das ist dann auch oft so, dass ich lieber nochmal eine extra Runde drehe, wenn ich schon fast zuhause bin, weil ich weiß, dass ich später darum froh sein werde.

Was hast du immer auf deinen Touren dabei? Vielleicht etwas ganz Ungewöhnliches?

Eigentlich habe ich immer einen Schutzengel dabei. Den trage ich immer bei mir – und das ist meine Familie.

Was ist für gewöhnlich dein erster Gedanke, wenn du am Ziel angekommen bist?

Wenn du ein Projekt erfolgreich beendet hast, gibt es in diesem Moment nicht so viele Gedanken. Natürlich bist du zunächst froh, dass du es geschafft hast. Wichtig ist auch das Glücksgefühl und dass du mit dem Projekt abschließen kannst. Die Zufriedenheit kommt eigentlich erst eine Woche, wenn nicht sogar noch später, mit der inneren Ruhe. Das ist auch ein ganz wichtiges Thema, mit dem ich mich in den letzten Jahren besonders auseinandergesetzt habe. Dieser Moment, wenn du wirklich oben angekommen bist, ist oft sehr kurz. Man muss lernen, ihn wirklich zu genießen. Es gibt ihn leider nur einmal. Oft ist es so: Man ist oben, hat alles geschafft und will dann schnell wieder runter gehen. Das ist auch alles gut und recht, aber dieser Moment ist dann vorbei. Er kommt nicht mehr zurück. Daher ist es wichtig, ihn auch emotional genießen zu können.

Hast du eine Lieblingstour?

Meine Lieblingstour, die mir speziell in den Dolomiten und persönlich ganz viel bedeutet, ist die Tour „Can you hear me?“. Diese Tour habe ich mir mit meinem besten Freund überlegt, der leider später verunglückt ist. Er hatte die Idee und ich hatte ihm versprochen, die Tour mit ihm zu machen. Doch das Schicksal hat eben anders entschieden. Diese Tour war eine, für die mir kein Preis an Vorbereitung zu hoch war. Ich war einfach gewillt, sie zu machen, egal was ich dafür geben musste. Es war mir sehr wichtig, mein Wort ihm gegenüber zu halten.

Denkst du es gibt einen Ort, den jeder Mensch einmal gesehen haben sollte?

Südtirol und die Drei Zinnen muss man einfach gesehen haben. Ich habe das Privileg, schon viele andere Länder gesehen zu haben und dort neue Orte zu entdecken. Aber nicht einen davon würde ich mit den Dolomiten oder Südtirol tauschen. Dafür schlägt einfach mein Herz.

Was bedeutet es für dich zu leben?

Freiheit bedeutet für mich zu leben. Ich genieße jeden Tag, weil man nie weiß, wie lange und wie viele Tage man noch hat. Das ist mir ganz wichtig. Auch wenn es einmal nicht so läuft, wie es laufen sollte, z. B. bei Projekten. Wichtig ist, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen. Es gibt immer auch ein Morgen. Man muss nicht gleich den Kopf senken und alles negativ sehen. Man sollte die positiven Rückschlüsse aus dem Scheitern ziehen.

Lebst du nach einem Mantra oder einer wichtigen Lebensweisheit?

Es gibt eine Weisheit, die wir nach meinem Kletterunfall auf meine persönliche Trainingswand geschrieben haben: Fühl dich stark, aber nicht unsterblich. Das ist etwas, was ich hoffe nie zu vergessen.

Wofür kannst du dich – neben dem Bergsport – noch begeistern?

Ein Tag mit der Familie ist mindestens gleich viel wert – definitiv. Dort brauche ich mich auch nicht extra zu begeistern. Da läuft alles automatisch. Es muss alles im Gleichgewicht sein.

Und zu guter Letzt: Welche drei Dinge sollte ein Wanderer/Alpinist immer im Rucksack haben?

Etwas zu trinken, ein kleines Erste-Hilfe-Set und jede Menge Spaß und Gaudi.